Es begab sich aber zu der Zeit, dass der Stockstädter Provinzchor ein wunderschönes Konzert zum Besten gab, auf dass alle Welt kommen und lauschen möge.
So begab sich auch D. K. aus G. am R. mit seinem gewohnt dualplattem Rad auf die lange Reise in die ferne, ferne Weite um nach Stockstadt zu gelangen, das Kuhdorf in weiter, weiter Ferne.
Und je weiter er sich von zu Hause entfernte, desto beschwerlicher wurde die Reise, denn die Temperatur und der Luftdruck seines Reifens sanken stetig.
Der Nullpunkt war noch nicht erreicht, als er etwas erblickte, was nur eine Spielerei seines Geistes sein konnte: Vor ihm erleuchtete inmitten des dünnbesiedelten Kuhdorfes ein riesiges Haus in allerlei bunter Farben, gleich einer Milkakuh im Scheinwerferlicht eines Lastkraftwagens.
Doch so schnell wie diese Halluzination in seinen Geist gedrungen war, schien sie auch wieder verschwunden, denn D. K. aus G. am R. war abgebogen und plattete mit seinem Rad weiter gen Provinzchorkonzert.
Die Zeit während des Konzertes floss dahin. Die Gedanken an das wundersame, bunte Haus verblassten, wie ein Wollpullover, der nicht mir Perwoll gewaschen worden war. Betört vom Gesang des stockstädter Chores und verstört vom Gesang eines gefallenen Solisten, bestieg D. K. aus G. am R. einmal mehr seinen ausgedörrten Drahtesel um sich wieder dem heimatlichen Kuhdorf zu nähern.
Doch da ragte es plötzlich wieder auf, gleich einer "Süddeutschen" inmitten eines Stapels Dorfzeitungen: Das leuchtende Haus.
Geblendet von der Einzigartigkeit und den vielen blinkenden Lichtern des Hauses, hielt D. K. aus G. am R. erst an, dann inne. Grelles Licht, kitschiger Schmuck und vollkommen verfrühte Zurschaustellung: Es konnte nur Weihnachtsdeko sein.
So wie man auf den ersten Schnee hofft und seiner Lieblingsserie entgegenfiebert, genauso erhoffte D. K. aus G. am R. aus diesem fiebrigen Alptraum zu erwachen: Weihnachtsdeko zum Tag der deutschen Einheit? Waren dort vielleicht jemandem die vielen deutschen Feiertage durcheinander gekommen? Hatte jemand ein zweieinhalbmonatigen Urlaub vor sich? Wohnte dort der Weihnachtsmann oder war D. K. aus G. am R. mit dem vakuumrädrigen Gefährt einfach nur weitaus langsamer voran gekommen als er gedacht hätte?
Mühsam wie eine Motte vom Feuer konnte sich D. K. aus G. am R. abwenden, zog seine nichtvorhandene Jacke enger, rückte seine aus Luft gewebte Pudelmütze zurecht, schlitterte über die prä-vereisten Straßen und freute sich auf all die schönen Geschenke die zu Hause sicher nicht auf ihn warten würden.
Frohe Weihnacht überall!
Mittwoch, Oktober 05, 2005
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3 Kommentare:
Du schwingst du ungeahnten literarischen Höhen an, Hut ab... mit diesem Eintrag hast du dir mindestens zwanzig neue Stammleser verdient... :)
Ich könnte mir ein gutes Image bauen, indem ich sage, dass mir das alles vollkommen spontan vom Hirn in die Hand geflossen sei. Doch leider habe ich für dieses kleine Meisterwerk über ein Stunde auf den Tasten herumgehauen. (bevorzugt auf der Backspace-Taste)
Ich bin wohl auch nur ein Mensch...
(Natürlich hoffe ich jetzt insgeheim, dass ich tapferer Märtyrer nun für meine unverholene Ehrlichkeit gelobt werde.)
welches konzert wohl damit gemeint war? *ganz blöd um die ecke guck*
;-)
liebe grüße an den meisterschreiber... :-)
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