Kennt irgendjemand noch Klarsichthüllen?
Das waren diese durchsichtigen Doppelplastikblätter, zwischen welche ein begabter Mensch mit etwas Geschick ein Blatt (oder manchmal sogar mehrere Blätter) schieben konnte. Dadurch waren die beidseitig gepolsterten Blätter immun gegen schwitzige Hände, Vogelkot, Nasenbluten, Regen, den Locher und Marmelade von stets-auf-die-bestrichene-Seite-fallenden Broten.
Früher hatte jeder gute und wichtigwirkende Schüler einen Stapel Klarsichthüllen in seinem Schulgepäck, um all die wichtigen Dokumente, die man während der Schulzeit zugesteckt bekommt, knitterfrei an einen sicheren Ort transportieren zu können (zumeist die heilige letzte Kategorie im Schulordner). Gegen Ende des Schuljahres hatten Klarsichthüllenhersteller immer Hochkonjunktur, denn dann gab es Zeugnisse, die unter allen Umständen ohne den kleinsten Knick und Fleck von der Hand des Lehrers in die besagten Klarsichthüllen gleiten mussten. Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn das überaus wichtige Zeugnis, das man damals in der 3b bekommen hatte, einen Fleck hätte.
Aber diese Zeiten sind nun leider vorbei, traurig aber wahr.
Was? Ihr protestiert? Ihr gehört wohl noch zu den Konservativen, die eisern an den Plastiklappen festhalten und behaupten, dass doch noch JEDER Klarsichthüllen benutzen würde. Bis heute Nachmittag habe ich auch noch fest an die unumstößliche Notwendigkeit der Klarsichthüllen geglaubt, bis mein naiver Glaube in einem Marburger Schreibwarenladen mit Kopierern und allem möglichen Schnickschnack aufs tiefste erschüttert wurde.
Folgende Konversation fand fast wortwörtlich zwischen meiner Wenigkeit und der Besitzerin des Ladens statt:
Besitzerin: Wie kann ich Ihnen helfen?
Ich: Ich wollte fragen, ob Sie hier Klarsichthüllen verkaufen.
Besitzerin: Wie bitte?
Ich: Klarsichthüllen. Verkaufen Sie hier Klarsichthüllen?
Besitzerin: Da muss ich mal schauen.
>>Die Besitzerin steht einige Moment orientierungslos herum, bis sie sich an eine Kollegin wendet.<<
Besitzerin: Sag mal, haben wir Klarsichthüllen?
Kollegin: Mmmh, das weiß ich nicht. Keine Ahnung.
>>Die Besitzerin verharrt für einen Augenblick, bis sie sich entschließt sich an einen weiteren Kollegen zu wenden.<<
Besitzerin: Weißt du ob wir Klarsichthüllen verkaufen?
Kollege: Was?
Besitzerin: Klarsichthüllen.
Kollege: Was?
Besitzerin: Klarsichthüllen.
Kollege: Ich habe das nicht verstanden. Was sollen wir verkaufen?
Besitzerin: Klarsichthüllen!
Kollege: Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.
>>Die Besitzerin steht unschlüssig im Laden, bis sie sich verwirrt wieder an mich wenden.<<
Besitzerin: Was zum Teufel wollen Sie denn damit!?
Ich: Ich...äh...wollte Blätter reinstecken.
>>Stille.<<
Ich: Das, was man eben mit Klarsichtfolien macht. Man steckt Blätter rein.
Besitzerin: Mmmh. Nein, Klarsichthüllen haben wir keine da. Tut mir Leid.
Natürlich habe ich mich im Anschluss gefragt, wie die Frage nach Klarsichthüllen ein dermaßen großes Aufsehen erregen konnte. Es war nicht so, dass ich nach illegalen Rauschgiften oder von Kindern handgeknüpften Decken aus Pakisten gefragt hätte. Ganz im Gegenteil: Ein Schreibwarenladen erschien mir ein idealer Anlaufpunkt für die Frage nach Klarsichthüllen gewesen zu sein.
Letztlich kam ich zu der Erkenntnis, dass Klarsichthüllen mittlerweile wohl aus der Mode gekommen sein müssten. Wie sonst hätte sich solch eine Ratlosigkeit erklären lassen können?
Aber ich kann alle Leser beruhigen. Es gibt scheinbar noch Verwandte der Klarsichthüllen, die man im Großhandel kaufen kann. Allerdings sind es keine "Klarsichthüllen" mehr, sondern modisch, neue "document pockets". Hat das irgendjemand schon einmal gehört?
Gleich ob das marburger Mundart oder eine weitere Folge der Anglikanisierung unserer Sprache ist: Ich will wieder meine guten, alten Klarsichthüllen zurück. Als sie noch so hießen waren sie auch viel besser.
Nun ja, was solls. Ich muss jetzt noch die Blätter meines Workbooks sammeln und mein Sandwich für morgen schmieren, weil mein Zeitmanagement für den morgigen Tag sonst vollkommen aus den Fugen gerät und nichts mehr Sinn macht.
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