Montag, Februar 18, 2008

Taufe

Dieser Blog wird langsam etwas peinlich. Seit (eins, zwei...) sechs Monaten nichts mehr geschrieben! Zur Feier des Anlasses taufe ich ihn deshalb zu "Karpfen-Klub" um.

Donnerstag, September 06, 2007

Täter und Opfer




















Ich dachte immer, wir Menschen sind unverbesserliche Egoisten und haben nur uns selbst im Kopf. Den ganzen Tag verbringen wir mit uns und unseren Gedanken, die sich um unser Wohl und unsere Zukunft drehen. Wenn wir anderen helfen, tun wir es nur für unseren eigenen Ruhm.

Es gibt aber Momente, in denen ich bemerke, dass dies nicht stimmt. Wenn sich andere an meine Worte erinnern, an die ich mich partout nicht erinnern kann. Bei denen ich sogar schwören könnte, sie nie ausgesprochen zu haben. Oder von denen ich denke, dass ich sie nur gedacht, aber nie gesagt habe. Ich habe sie aber gesagt und, schlimmer, der andere erinnert sich ihrer besser als ich!

Menschen, die wir, wenn nicht für sehr gute Freunde (dazu war zu wenig Zeit), dann doch für gute Kameraden hielten, melden sich nicht mehr, oder antworten nicht. Und andere, die wir innerlich abgeschrieben haben, weil sie sonstwelchen Kriterien nicht entsprachen, sind einfach da. Doch unserer selektiven Erinnerung entspricht eine selektive Wahrnehmung. Wir hängen uns an die Undankbaren und machen den Personen, denen wir wichtig sind, den Zutritt zu unserem jardin secret so schwer wie möglich.

Wir sind Opfer und Täter zugleich.
K.


Frühstück kontinental

Mein Zimmer hier ist une chambre. Will damit sagen, es erinnert an einstige herrliche Lesestunden in der Erich-Kästner und Hermann-Hesse-Welt, in der möbilierte Zimmer für ein Lebensgefühl von intellektuellem Erwachen, geistiger Unabhängigkeit in bescheidenen finanziellen Verhältnissen stehen. Die Decken sind hoch. Die Wände sind aus Karton. Der Heizung nimmt man nicht ab, dass sie in wenigen Wochen ihren Zweck erfüllen werden kann.

Morgens brauche ich nur einen Stockwerk hinabzusteigen, wo es Frühstück gibt. Auf einem kleinen Tablett sind unfehlbar eine gefaltete Papierserviette mit einem Päckchen Butter drapiert. Es gibt Kaffee, Kakao oder Tee in henkellosen Schüsseln. Ich frage mich, ob die Baguette, die wie ein Schwamm aussieht und nach nichts schmeckt, satt machen kann. Im Hintergrund dudeln bekannte Schlager aus dem Radio.

Die ganze Szene hat etwas Tröstendes, sobald sie zu einem täglichen Ritual geworden ist. Denke ich.
K.

Mittwoch, September 05, 2007

Erste Zeichen

An jenem Sonntagmorgen ging ich mit meinem Vater den langen Cours Léopold entlang spazieren. Der Septembermorgen war noch kühl, und um neun Uhr morgens die Stadt sehr leer. Wir kamen zu einer Statue
"Druout. Ausgesprochen Drüh-oh. Wohl ein General. Wie stolz er in seiner Uniform aussieht."
"Die verschiedenen Jahreszahlen stehen wohl für die gewonnenen Schlachten."

Am anderen Ende des Platzes sehen wir einen Obelisken aufragen.
"Ich habe einmal obelix gesagt, anstatt obelisque. Da wurde ich ausgelacht."
Mein Vater lacht auch. "Obelix!"

Am Obelisken suchen wir vergeblich nach Aufschriften oder Jahreszahlen. Er sieht auch ziemlich vernachlässigt aus.
"Das ist wohl ein Universal-Denkmal. Da kann jeder dem gedenken, wessen er gerade möchte."

Wir gehen weiter und schauen auf den Boden. Mein Vater gibt einer Kastanie lässig einen Tritt.
"Papa, du hast eben eine Kastanie getreten!"
Bestätigend, "ich habe eben eine Kastanie getreten."

So habe ich gemerkt, dass es jetzt Herbst ist.

Donnerstag, August 30, 2007

Last-day photo-shoot




Es gibt da einen Künstler, dessen Projekt darin bestand, die Leute an der Ampel in NY City zu fotografieren. An meinen letzten Tagen in einer Stadt fotografiere ich alles, was mir unter die Linse kommt, um so viele Eindrücke wie möglich festzuhalten. Gebäude, Details, Menschen... beim Durchschauen der Bilder, die nur wenige Stunden alt sind, überkommt mich ein seltsames Gefühl - dies alles ist noch so nah, doch schon vorbei für immer. Diese Aufnahme könnte vergänglicher nicht sein, und doch ewig wiederkehrend. Eigenartig ist es doch, die Fußgänger genau zu beobachten. Individuell in ihrer Uniformität, uniform in ihrer Individualität...

Donnerstag, August 23, 2007

Individualistische Uhren

Letztens musste ich den Zug nach Nancy um 6:38 Uhr nehmen. Ich stand also früh auf, ging pünktlich um 6:25 Uhr aus dem Haus und kam mir so schön organisiert vor. Am Bahnhof angekommen sehe ich die die Zeiger der Bahnhofsuhr auf 6:35 stehen. Ich renne schon, bevor ich mir Gedanken machen kann, ob ich wirklich so getrödelt habe, in ein Zeitloch gefallen bin oder ob die Uhr falsch geht. Ich halte ersteres für die wahrscheinlichste Lösung und sprinte die Rolltreppe hoch.

Im Rennen fällt mein Blick auf eine zweite Uhr über meinem Kopf. 6:28 Uhr. Das wäre zu schön, um wahr zu sein, aber die Uhr geht sicher falsch!

Keine zwanzig Meter fällt mein fiebriger Blick auf eine Dritte Uhr: 6:30 Uhr. Ich blicke nach rechts auf den Gleis. Dort ist es 6:33 Uhr. Mir bleiben fünf ruhige Minuten, um das Ticket zu stempeln und einzusteigen, aber mich auch über die Situation nicht wenig zu wundern. Vier Uhren im selben Bahnhof zeigen vier verschiedene Uhrzeiten an, und das in einer Situation, in der es um Leben oder Tod geht (oder zumindest um das Erreichen und Verpassen von Zügen). Nochmal Glück gehabt. Individualismus bei Uhren ist wirklich kontraproduktiv.
K.

Samstag, August 18, 2007

Tamen shi wo de pengyou

Hallo, wo ich gerade am Posten bin, hier ein Foto von zwei Mitbewohnerinnen im Wohnheim, gestatten, Lu aus China und Chin Hua aus Taiwan. Französische Hochschulen sind bei Studenten aus dem Land der Mitte sehr beliebt, und sie sprechen meistens ein beeindruckend gutes französisch.
K.

Physikalische Erklärungen


Die Stunden machen kleine Schritte

Und heben ihre Füße kaum.

Die Langeweile macht Visite.

Die Tanten flüstern über Dritte.

Und drüben, auf des Marktes Mitte,

schnarcht leise der Kastanienbaum.

So beschrieb Erich Kästner 1936 eine „Kleine Stadt am Sonntagmorgen“. Ich bin zwar weder in einer kleinen Stadt, noch ist es meistens nicht Sonntagmorgen. Doch irgendwie begegne ich dieser Stimmung in diesen Augusttagen seltsam oft. Irgendwie ist keiner da. Where are all the people? Nach meiner Theorie gibt es nur eine Erklärung: im Sommer dreht sich die Erde schneller, zumindest ist das in Frankreich der Fall, so dass wegen der erhöhten Zentrifugalkraft die Menschenmassen Richtung Küstenregion gepresst werden, während in der Mitte nichts als eine kästnereske Seelenruhe zurückbleibt.