Donnerstag, September 06, 2007

Täter und Opfer




















Ich dachte immer, wir Menschen sind unverbesserliche Egoisten und haben nur uns selbst im Kopf. Den ganzen Tag verbringen wir mit uns und unseren Gedanken, die sich um unser Wohl und unsere Zukunft drehen. Wenn wir anderen helfen, tun wir es nur für unseren eigenen Ruhm.

Es gibt aber Momente, in denen ich bemerke, dass dies nicht stimmt. Wenn sich andere an meine Worte erinnern, an die ich mich partout nicht erinnern kann. Bei denen ich sogar schwören könnte, sie nie ausgesprochen zu haben. Oder von denen ich denke, dass ich sie nur gedacht, aber nie gesagt habe. Ich habe sie aber gesagt und, schlimmer, der andere erinnert sich ihrer besser als ich!

Menschen, die wir, wenn nicht für sehr gute Freunde (dazu war zu wenig Zeit), dann doch für gute Kameraden hielten, melden sich nicht mehr, oder antworten nicht. Und andere, die wir innerlich abgeschrieben haben, weil sie sonstwelchen Kriterien nicht entsprachen, sind einfach da. Doch unserer selektiven Erinnerung entspricht eine selektive Wahrnehmung. Wir hängen uns an die Undankbaren und machen den Personen, denen wir wichtig sind, den Zutritt zu unserem jardin secret so schwer wie möglich.

Wir sind Opfer und Täter zugleich.
K.


Frühstück kontinental

Mein Zimmer hier ist une chambre. Will damit sagen, es erinnert an einstige herrliche Lesestunden in der Erich-Kästner und Hermann-Hesse-Welt, in der möbilierte Zimmer für ein Lebensgefühl von intellektuellem Erwachen, geistiger Unabhängigkeit in bescheidenen finanziellen Verhältnissen stehen. Die Decken sind hoch. Die Wände sind aus Karton. Der Heizung nimmt man nicht ab, dass sie in wenigen Wochen ihren Zweck erfüllen werden kann.

Morgens brauche ich nur einen Stockwerk hinabzusteigen, wo es Frühstück gibt. Auf einem kleinen Tablett sind unfehlbar eine gefaltete Papierserviette mit einem Päckchen Butter drapiert. Es gibt Kaffee, Kakao oder Tee in henkellosen Schüsseln. Ich frage mich, ob die Baguette, die wie ein Schwamm aussieht und nach nichts schmeckt, satt machen kann. Im Hintergrund dudeln bekannte Schlager aus dem Radio.

Die ganze Szene hat etwas Tröstendes, sobald sie zu einem täglichen Ritual geworden ist. Denke ich.
K.

Mittwoch, September 05, 2007

Erste Zeichen

An jenem Sonntagmorgen ging ich mit meinem Vater den langen Cours Léopold entlang spazieren. Der Septembermorgen war noch kühl, und um neun Uhr morgens die Stadt sehr leer. Wir kamen zu einer Statue
"Druout. Ausgesprochen Drüh-oh. Wohl ein General. Wie stolz er in seiner Uniform aussieht."
"Die verschiedenen Jahreszahlen stehen wohl für die gewonnenen Schlachten."

Am anderen Ende des Platzes sehen wir einen Obelisken aufragen.
"Ich habe einmal obelix gesagt, anstatt obelisque. Da wurde ich ausgelacht."
Mein Vater lacht auch. "Obelix!"

Am Obelisken suchen wir vergeblich nach Aufschriften oder Jahreszahlen. Er sieht auch ziemlich vernachlässigt aus.
"Das ist wohl ein Universal-Denkmal. Da kann jeder dem gedenken, wessen er gerade möchte."

Wir gehen weiter und schauen auf den Boden. Mein Vater gibt einer Kastanie lässig einen Tritt.
"Papa, du hast eben eine Kastanie getreten!"
Bestätigend, "ich habe eben eine Kastanie getreten."

So habe ich gemerkt, dass es jetzt Herbst ist.