Mittwoch, Oktober 26, 2005

Klarsichthüllen?

Kennt irgendjemand noch Klarsichthüllen?
Das waren diese durchsichtigen Doppelplastikblätter, zwischen welche ein begabter Mensch mit etwas Geschick ein Blatt (oder manchmal sogar mehrere Blätter) schieben konnte. Dadurch waren die beidseitig gepolsterten Blätter immun gegen schwitzige Hände, Vogelkot, Nasenbluten, Regen, den Locher und Marmelade von stets-auf-die-bestrichene-Seite-fallenden Broten.
Früher hatte jeder gute und wichtigwirkende Schüler einen Stapel Klarsichthüllen in seinem Schulgepäck, um all die wichtigen Dokumente, die man während der Schulzeit zugesteckt bekommt, knitterfrei an einen sicheren Ort transportieren zu können (zumeist die heilige letzte Kategorie im Schulordner). Gegen Ende des Schuljahres hatten Klarsichthüllenhersteller immer Hochkonjunktur, denn dann gab es Zeugnisse, die unter allen Umständen ohne den kleinsten Knick und Fleck von der Hand des Lehrers in die besagten Klarsichthüllen gleiten mussten. Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn das überaus wichtige Zeugnis, das man damals in der 3b bekommen hatte, einen Fleck hätte.
Aber diese Zeiten sind nun leider vorbei, traurig aber wahr.
Was? Ihr protestiert? Ihr gehört wohl noch zu den Konservativen, die eisern an den Plastiklappen festhalten und behaupten, dass doch noch JEDER Klarsichthüllen benutzen würde. Bis heute Nachmittag habe ich auch noch fest an die unumstößliche Notwendigkeit der Klarsichthüllen geglaubt, bis mein naiver Glaube in einem Marburger Schreibwarenladen mit Kopierern und allem möglichen Schnickschnack aufs tiefste erschüttert wurde.
Folgende Konversation fand fast wortwörtlich zwischen meiner Wenigkeit und der Besitzerin des Ladens statt:
Besitzerin: Wie kann ich Ihnen helfen?
Ich: Ich wollte fragen, ob Sie hier Klarsichthüllen verkaufen.
Besitzerin: Wie bitte?
Ich: Klarsichthüllen. Verkaufen Sie hier Klarsichthüllen?
Besitzerin: Da muss ich mal schauen.
>>Die Besitzerin steht einige Moment orientierungslos herum, bis sie sich an eine Kollegin wendet.<<
Besitzerin: Sag mal, haben wir Klarsichthüllen?
Kollegin: Mmmh, das weiß ich nicht. Keine Ahnung.
>>Die Besitzerin verharrt für einen Augenblick, bis sie sich entschließt sich an einen weiteren Kollegen zu wenden.<<
Besitzerin: Weißt du ob wir Klarsichthüllen verkaufen?
Kollege: Was?
Besitzerin: Klarsichthüllen.
Kollege: Was?
Besitzerin: Klarsichthüllen.
Kollege: Ich habe das nicht verstanden. Was sollen wir verkaufen?
Besitzerin: Klarsichthüllen!
Kollege: Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.
>>Die Besitzerin steht unschlüssig im Laden, bis sie sich verwirrt wieder an mich wenden.<<
Besitzerin: Was zum Teufel wollen Sie denn damit!?
Ich: Ich...äh...wollte Blätter reinstecken.
>>Stille.<<
Ich: Das, was man eben mit Klarsichtfolien macht. Man steckt Blätter rein.
Besitzerin: Mmmh. Nein, Klarsichthüllen haben wir keine da. Tut mir Leid.
Natürlich habe ich mich im Anschluss gefragt, wie die Frage nach Klarsichthüllen ein dermaßen großes Aufsehen erregen konnte. Es war nicht so, dass ich nach illegalen Rauschgiften oder von Kindern handgeknüpften Decken aus Pakisten gefragt hätte. Ganz im Gegenteil: Ein Schreibwarenladen erschien mir ein idealer Anlaufpunkt für die Frage nach Klarsichthüllen gewesen zu sein.
Letztlich kam ich zu der Erkenntnis, dass Klarsichthüllen mittlerweile wohl aus der Mode gekommen sein müssten. Wie sonst hätte sich solch eine Ratlosigkeit erklären lassen können?
Aber ich kann alle Leser beruhigen. Es gibt scheinbar noch Verwandte der Klarsichthüllen, die man im Großhandel kaufen kann. Allerdings sind es keine "Klarsichthüllen" mehr, sondern modisch, neue "document pockets". Hat das irgendjemand schon einmal gehört?
Gleich ob das marburger Mundart oder eine weitere Folge der Anglikanisierung unserer Sprache ist: Ich will wieder meine guten, alten Klarsichthüllen zurück. Als sie noch so hießen waren sie auch viel besser.
Nun ja, was solls. Ich muss jetzt noch die Blätter meines Workbooks sammeln und mein Sandwich für morgen schmieren, weil mein Zeitmanagement für den morgigen Tag sonst vollkommen aus den Fugen gerät und nichts mehr Sinn macht.

Sonntag, Oktober 23, 2005

Ein nostalgisches Photo

Nachdem ich im letzten Post einen Fund vom Aufräumen meines Zimmers veröffentlicht habe, ist diesmal wohl ein nostalgischer Fund vom Aufräumen meines Computers an der Reihe. Irgendwo verschüttet zwischen Texten, Bildern, Videos, Liedern und Spam fand ich diese seltene Überlieferung aus einer Zeit, die manch einer bereits als bloße Fantasie abtat. Es ist der verzweifelte Versuch für eine gute Freundin vor einer winterlichen Schulsportplatzidylle ein Geburtstagsgruppenbild zu stellen. Man beachte das perfekt gekünstelte Grinsen, das jedes abgebildete Gesicht ziert, während sich innerlich wohl jeder den gleichen Gedanken aus der Seele geschrieben haben mag: "Verdammt, ist das hier kalt! Jetzt drück schon ab!"

Guckst du:


Was mich als kritischen Betrachter noch weitaus tiefer erschüttert als die Erinnerungen an längst verflossene Tage oder die wunderschöne Wahl des malerischen Hintergrundes, ist die Tatsache, dass dieses Bild mindestens 2 Jahre alt sein muss und ich vor wenigen Tagen an der Uni exakt die gleiche Kleidung trug. Die gleiche verdreckte Jacke und die gleiche abgescheuerte Hose. Ist das nicht viel schockierender?
Hoffentlich stürze ich nun nicht in eine tiefe Identitätskrise und werfe mir vor seit der 12. Klasse keinerlei Persönlichkeitsentwicklung durchlaufen zu haben.
Aber diese Gedankengänge sind wohl typisch deutsch. Man sieht nur das Negative, niemals das Positive. Also entbreche ich demonstrativ der Norm (schließlich bin ICH Deutschland) und konzentriere meinen Blick auf all die positiven Dinge, die dieses Bild vermittelt/ausstrahlt...
...
...
...
Bitte hilf mir doch jemand : (

Dienstag, Oktober 11, 2005

Alliterationen an die Macht!

Beim Aufräumen meines Zimmers entdeckte ich ein hervorragendes Beispiel für die kreativen Leistungen zu denen langweiliger Schulunterricht anspornt.
Was macht man, wenn man 90 Minuten endlos langweiligem Mathematikunterricht bevorsteht? Richtig! Man schreibt eine ellenlange Alliterationen.

Hier das Resultat:

Willi Wilfrieds wildes, weißes Wiesel, welches wahnsinnig wohlhabend war, will wider Werners widerstandslosen Willen wieder wertvolle walisische Waren wegtransportieren, weil wichtige Warentransporte werktags wegen Wochenendauflagen wahrscheinlich widersprüchlich werden würden, weshalb wir wiederum wirklich wütend werden.

Okay, wer kann das toppen?

Mein Tip des Tages: Benutzt mehr affige Alliterationen! Wozu gibt es sinnlose Synonyme und fragwürdige Füllwörter?

Mittwoch, Oktober 05, 2005

(k)Ein Weihnachtsmärchen

Es begab sich aber zu der Zeit, dass der Stockstädter Provinzchor ein wunderschönes Konzert zum Besten gab, auf dass alle Welt kommen und lauschen möge.
So begab sich auch D. K. aus G. am R. mit seinem gewohnt dualplattem Rad auf die lange Reise in die ferne, ferne Weite um nach Stockstadt zu gelangen, das Kuhdorf in weiter, weiter Ferne.
Und je weiter er sich von zu Hause entfernte, desto beschwerlicher wurde die Reise, denn die Temperatur und der Luftdruck seines Reifens sanken stetig.
Der Nullpunkt war noch nicht erreicht, als er etwas erblickte, was nur eine Spielerei seines Geistes sein konnte: Vor ihm erleuchtete inmitten des dünnbesiedelten Kuhdorfes ein riesiges Haus in allerlei bunter Farben, gleich einer Milkakuh im Scheinwerferlicht eines Lastkraftwagens.
Doch so schnell wie diese Halluzination in seinen Geist gedrungen war, schien sie auch wieder verschwunden, denn D. K. aus G. am R. war abgebogen und plattete mit seinem Rad weiter gen Provinzchorkonzert.
Die Zeit während des Konzertes floss dahin. Die Gedanken an das wundersame, bunte Haus verblassten, wie ein Wollpullover, der nicht mir Perwoll gewaschen worden war. Betört vom Gesang des stockstädter Chores und verstört vom Gesang eines gefallenen Solisten, bestieg D. K. aus G. am R. einmal mehr seinen ausgedörrten Drahtesel um sich wieder dem heimatlichen Kuhdorf zu nähern.
Doch da ragte es plötzlich wieder auf, gleich einer "Süddeutschen" inmitten eines Stapels Dorfzeitungen: Das leuchtende Haus.
Geblendet von der Einzigartigkeit und den vielen blinkenden Lichtern des Hauses, hielt D. K. aus G. am R. erst an, dann inne. Grelles Licht, kitschiger Schmuck und vollkommen verfrühte Zurschaustellung: Es konnte nur Weihnachtsdeko sein.
So wie man auf den ersten Schnee hofft und seiner Lieblingsserie entgegenfiebert, genauso erhoffte D. K. aus G. am R. aus diesem fiebrigen Alptraum zu erwachen: Weihnachtsdeko zum Tag der deutschen Einheit? Waren dort vielleicht jemandem die vielen deutschen Feiertage durcheinander gekommen? Hatte jemand ein zweieinhalbmonatigen Urlaub vor sich? Wohnte dort der Weihnachtsmann oder war D. K. aus G. am R. mit dem vakuumrädrigen Gefährt einfach nur weitaus langsamer voran gekommen als er gedacht hätte?
Mühsam wie eine Motte vom Feuer konnte sich D. K. aus G. am R. abwenden, zog seine nichtvorhandene Jacke enger, rückte seine aus Luft gewebte Pudelmütze zurecht, schlitterte über die prä-vereisten Straßen und freute sich auf all die schönen Geschenke die zu Hause sicher nicht auf ihn warten würden.

Frohe Weihnacht überall!

Montag, Oktober 03, 2005

Writing in the rain..

Zweiter Oktober Zweitausendfünf.

Falls dieser Tag in irgendeiner Hinsicht erwähnenswert sein sollte, dann wohl, weil es von sechs Uhr morgens bis 21 Uhr abends hartnäckigst durchnieselte. Ich habe so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Was habe ich mir bloß dabei gedacht, nach Regensburg zu ziehen?? Aber zum Glück bin ich gegen jegliche Wetterkapriole immun, und so hatten ich und meine Wohnung einen Tag lang ruhig Zeit, uns kennen zu lernen.
In der Küche begegnete ich der zweiten Seele in drei Tagen in diesem ausgestorbenen Gebäude: sie ist Venezualenerin (???) und lernt hier Deutsch. Entsprechend wackelig sind ihre Deutschkenntisse. Ich glaube, sie hat keinen einzigen grammatikalisch richtigen Satz gesagt und ich war fasziniert, dass ich sie trotzdem verstehen konnte. Und die verblüffende Tatsache, dass im Spanischen die Aussprache des Buchstabens "b" und "v" nicht unterschieden wird, wurde auch bestätigt. Sie sagte "Wuch" und "Boche", und ich musste schmunzeln.

Im Radio empfängt man nur einen Sender, ich habe es ausprobiert. Er ist waschecht bayrisch und bringt von morgens bis abends die größsten Hits der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger. Ok, vielleicht sind die Bayern doch lokalpatriotisch...

Ich habe zu meiner großen Freude festgestellt, dass sich mein neues Heim in der geometrischen Mitte von drei Parks befindet. Der Supermarkt ist auf der anderen Straßenseite. Soviel comfort, das bin ich gar nicht gewöhnt, ich bin ganz gerührt...

Nachricht an den Stammleser: habe mich in eine Deutschlandkarte vertieft und verdammt M. ist ja weit weg. Nur so am Rande.

To be continued...