Ich hatte heute eine Verabredung mit meinem potenziellen neuen Tanzpartner. Dass ich nicht das Gelbe vom Ei erwartete, darauf habe ich mich schon eingestellt. Dieser Abend heute sollte aber meine kühnsten Erwartungen übertreffen, was an Peinlichem möglich sein kann. An mir hat es nicht gelegen, wie könnt ihr das denken? Es gibt aber einfach Leute, die sind von Natur aus peinlich, auch wenn diese Spezies selten ist. Aber zum Glück habe ich ja ein geschicktes Händchen dabei, diese rarsten Perlen herauszufischen.
Ich war schon um 19 Uhr in Darmstadt, und hatte noch eine volle Stunde totzuschlagen. Ich habe mir deswegen nicht viele Sorgen gemacht, im Zeit-beim-Warten-auf-öffentliche-Verkehrsmittel-totschlagen vertraue ich auf meine langjährige Erfahrung. Also bin ich selbstbewusst in das nächste Kino marschiert und habe mich an den Tisch im Foyer gesetzt. Ich, mein Kirschgarten, unterbeschäftigtes Kinopersonal und ziemlich gute Musik aus dem Radio, dazu der Geruch von frischem Popcorn, so habe ich mich auf den Abend, der da kommen sollte, eingestimmt.
Dann komme ich also erwartungsfroh an und stoße prompt auf einen großen- sagen wir- „Herrn“, der mir unter allen anderen Umständen nicht mal aufgefallen wäre, wenn auf seiner Stirn „Eier“ geschrieben wäre. Und ja, das war Harald. „Harald“. Hallo „Harald“. Ich setze mein leuchtendstes, charmantestes Lächeln auf, und merke sofort, dass es an ihm völlig verschwendet ist. Und dabei liegt es nicht mal an seinem Tick, zu allen passenden und unpassenden Kommentaren mit „Ja, richtig, ja“ zu antworten und dabei wie ein Wilder mit dem Kopf zu nicken. Das ist dann immer die Stelle gewesen, in der sich die andere Person in einer Sitcom, in dem Fall ich, zur Kamera dreht und übertrieben mit den Augen rollt. Gut, niemand ist perfekt. ABER es gibt trotzdem keine Rechtfertigung dafür, mit SO einer Jeansjacke aufzutauchen, wie es Harald tat. Ich habe noch nie so eine schlecht sitzende und unmodische Jeansjacke gesehen. Sie war das erste, was mir an ihm auffiel, sie sprang mir regelrecht ins Auge wie ein kleines Klammeräffchen. Sie sollte sich schämen, sich von so einer Person tragen zu lassen, die Jeansjacke. Überhaupt hatte „Harald“ mit seinen siebenundreißig Jahren den Charme eines Pferds. Nein, einer Küchenschabe. Aber ich will die Küchenschabe nicht beleidigen. Es ist unglaublich, ich bin so einer Person noch nie begegnet. Jetzt habt ihr den Eindruck, ich sei total oberflächlich. Aber das stimmt nicht. Ohnehin habe ich mir schon zu Beginn gesagt, dass mir diese Äußerlichkeiten unwichtig sein werden, wenn man gut miteinander tanzen kann. Und auf „GoldII“-Niveau tanzte man nach meiner Vorstellung wie ein Gott. Leider war „Harald“ so beweglich wie ein Stock. Nur beim Anblick dieser unbeholfenen, abgehackten Bewegungen läuft es mir kalt den Rücken herunter. Er war ja der festen Überzeugung, dass der Herr führen sollte. ...einen ECHTEN kalten Schauer später... also, wie sagte ich, der Herr soll führen. Aber NICHT ohne Rücksicht auf die Konstitution der fragilen Dame sie hin und her schubsen, wie einem der Schnabel gewachsen ist!
Das Niveau meines goldigen Partners erwies sich schnell als extrem ausbaubedürftig. Mir kam es so vor, dass er in jedem Tanz die selben drei Schritte abspulte; auf eine mechanische Weise, dass einem die Tränen kommen könnten. Tanzen soll doch Spaß machen, was zum Beispiel durch ein Lächeln oder einer anderen Geste des Wohlwollens ausgedrückt werden könnte.. notfalls auch gespielt. Ich dachte, dass seien die einfachsten gesellschaftlichen Konventionen, die man mit neun Jahren gelernt hat.
Übrigens will ich erwähnen, dass er sich in der Anzeige, auf die antwortete, als „gutaussehend“ und „sportlich“ bezeichnet hatte. Erlaubt mir, laut aufzulachen. Mit seinem Alter hätte er vom Aussehen her locker mein OPA sein können.
Jetzt wird´s langsam eine Karikatur, aber ich spreche nichts als die Wahrheit. „Harald“ hätte mit seinem Outfit und seinem Aussehen nicht nur jedem Hauptschul-Hausmeister Konkurrenz machen können. Er hatte zudem einen Mundgeruch zum Fliegentöten!! Nach zwei Tänzen tropfte ihm der Schweiß die Nasenspitze runter und lief über seinen Mund, so das beim Sprechen die Tropfen nur so spritzen. Das ist keine Übertreibung. Also ich tanze, drehe mich, und schaue verzweifelt in die Runde, wer mich den retten könnte. Gibt es keinen netten Gymnasial-Hausmeister, der mit mir eine Runde tanzen würde?? Aber es war hoffnungslos, denn wohin man schaut nur Paare. Glückliche, sich im Kreise drehende, lachende Paare. Meine Strumpfhose zerreisst, weil mir „Harald“ wieder auf die Zehen getreten ist.
Roboter-Harald ist übrigens leitender Angestellter für Kläranlageninstallationen. Er plant und baut sie. Oder so. Nichts gegen Kläranlageninstallationen. Aber sie verrohen ihre leitenden Angestellten. Wobei, jetzt wissen wir auch, woher der Mundgeruch kommen könnte...
Vielleicht konntet ihr bis jetzt meiner Erzählung mit Totengräbermine folgen. Ich auf jeden Fall musste während des Abends es mir mehrmals verkneifen, laut aufzulachen. Eigentlich war das alles doch so witzig! Ich habe mich schon „amüsiert“; soweit dies möglich ist. Der Saal, die Musik, die Stimmung waren ja auch wirklich gut. Trotzdem habe ich mir mehrmals auf die Lippen gebissen und innerlich laut aufgelacht. .... kurz vor 22 Uhr habe ich dann bedauernd erklärt, dass ich zum Bus müsse, der ja bedauerlicherweise nur alle zwei Stunden fahren würde. Und 24 Uhr, das wäre doch wirklich zu spät.... Vor allen Dingen, weil die Veranstaltung schon um 23 Uhr ende, nicht wahr. „Ja, richtig, ja.“ NICKNICKNICK. Aber der galante Herr hat mich natürlich zu der Bushaltestelle begleitet. Wo natürlich weit und breit kein Bus war. Aber schließlich wolle ich ihm nicht zumuten, mit mir auf den Bus zu warten. Vor allen Dingen, weil ich ja nicht mal so genau wüsste, wann er denn kommt! Keine Ahnung, ob er gemerkt hatte, dass das mit dem Bus reine Schwindelei war, es kann gut sein, so doof war er dann nicht. Er meinte wiederholt, dass wir ja gemeinsam einen Salsa-Kurs machen könnten, und ich habe das natürlich global-galaktisch als möglich bestätigt. Was man nicht der Höflichkeit halber alles sagt... Er muss doch auch gemerkt haben, dass wir kaum miteinander tanzen können... Ich auf jeden Fall weiß, dass ich diese Person nie wieder sehen werde.