Samstag, Oktober 28, 2006

Urin als Gedächtnisstütze

"Valerie aus Thüringen pinkelt Mädchenurin."

Nun stellt man sich natürlich die Fragen: Warum pinkelt Valerie Mädchenurin? Hat es etwas mit Thüringen zu tun? Was ist eigentlich Mädchenurin? Wer ist überhaupt diese Valerie? Und warum steht solch ein Satz überhaupt auf dieser Seite?
Wer nun denkt, dass ein Kleinkrieg zwischen den Schreibern der Seite ausgebrochen ist, liegt falsch. Und auch derjenige, der sich glaubt an einen Artikel im "Forum der Wissenschaft" über Charakteristika von Urinarten zu erinnern, muss korrigiert werden (wobei ich hier ehrlich gesagt nicht nachgeprüft habe).
Die mädchenurinpinkelnde Valerie aus Thüringen ist nichts anderes als eine Eselsbrücke, in diesem Fall eine kleine Brücke, um sich bestimmte Enzyme des menschlichen Körpers merken zu können.

Wer kennt nicht die kleinen Eselsbrücken, um sich Jahreszahlen, Geburtsdaten, Namen oder Fachbegriffe merken zu können. Mal simpel, mal komplex, mal rational, mal völlig an den Haaren herbeigezogen. Und wer braucht mehr Eselsbrücken, als jemand, der über 20 kleine Piktogramme pro Woche für sein Studium büffeln muss?
Da gibt es Hochzeiten, in denen sich die Frau bückt und das Licht nicht mehr sieht. Da hört man mit dem Ohr am Tor. Da endet der Lebensfaden im Winter und die Frau stellt durch das berühren der Torte mit ihrer Hand eine Verbindung her. Und wenn es ganz schlimm kommt springt der Mann so oft gegen den Elektrozaun, bis sein Körper nur noch ein totes Stück Fleisch ist. Und dann hat man die Scheidung.

Happy birthday


Als vor langer Zeit eine Jahrgangsliste mit Namen (wichtig), Telefonnummern (auch), Adressen (pro forma) und Geburtstagen (wird überlesen) verteilt wurde, lag sie erst einige Wochen zerknittert und zerdrückt auf dem Boden eines beliebigen Stehordners, bis ich sie hervorfischte und die Geburtstage meiner Jahrgangsmitglieder, samt Email-Adressen, sorgfältig in einen Kalender malte, um dann, im passenden Moment und nicht irgendwie drei Tage später oder früher, eine kleine Nachricht zu schicken. Was ich letztens auch gemacht habe. Zweimal. Nicht, dass ich ein spontanes, schriftliches „Dankeschön“ erwartet hätte. Ich glaube nur immer noch, dass das es sich so gehört.


Im Gegensatz dazu verging der erste Jahrestag dieser bescheidenen Seite vollkommen unbemerkt. Niemand hatte in Schönschrift verträumt den Tag des ersten Posts in sein Notizbuch geschnörkelt, niemand pustete am Tag X eine Kerze zu seinem Gedenken aus.

Das soll jetzt feierlich nachgeholt werden. So peinlich wie die Alles-Gute-Nachträglich Karten ist auch das Bild. Aber immerhin: eine Kerze. Und seien wir ein bisschen ehrlich: ein Mehr muss sich dieser Blog auch noch verdienen.

Mittwoch, Oktober 25, 2006

Notieren Sie bitte

Fast vier Wochen Alltag an einer französischen Bildungseinrichtung beginnen, ihre Spuren zu hinterlassen, die man nur ängstlich aber machtlos beobachten kann. Die Umstürze beginnen im Kleinen, zum Beispiel, bei der studentischen Ur-Handlung überhaupt, die man aber nie wirklich beigebracht bekommt, dem Notizen machen.

Wie macht man Notizen? Meistens hört man je nach Wortgeschwindigkeit, sagen wir, zwei Minuten lang zu und geht, in einem zweiten Schritt, dann zum Notizenkrizeln über. Kabbalistische Zeichen sind hierbei aus rationalistischen Gründen durchaus akzeptabel, denn aus zwei, drei Stichwörtern und kreativen Verbindungsschnörkeln kann der aufmerksame Student beim nochmaligen Lesen des Geschriebenen (falls er es noch mal liest) einfach die Inhaltsessenz aus anderthalb Stunden rekonstruieren.

Aber warum machen Franzosen andere Notizen als Deutsche? Im Land der Romanciers erinnern die klein karierte Blättersammlung der Studenten tatsächlich mehr an Romanentwürfe als an spartanisch angefertigte Stichpunktzettel. Das geweihte Wort des Lehrenden wird nämlich vorzugsweise im O-Ton niedergeschrieben. Wie das überhaupt gehen soll?? Nein, auch Franzosen sind keine Stenotypisten, müssen sie auch nicht sein, denn zum adäquaten Mitschreiben spricht der Prof entgegenkommenderweise nämlich extra langsam. Oder er wiederholt jeden Satz, eins zu eins, noch einmal. Oder warum nicht beides.

Und außerdem: wenn dann ein Professor einmal die Diktatdiktatur hinter sich lässt, und frisch und frei von seinem Lieblingsthema spricht, das gleichzeitig auch Vorlesungsstoff ist, schauen ihn die meisten Studenten meist reglos an. Oder sie schalten vollkommen ab, denn was nicht mitschreiblangsam diktiert wird, kann schließlich nicht wichtig sein.

Diese Feststellung, die ich hier recht mühsam erklärt habe, ist eigentlich recht trivial. So weit, so gut. Nach vier Wochen aber stellt man nun erschrocken fest, dass man selbst, ja man selbst!!!, irgendwie auch schon lieber die ganze Professorpredigt dokumentiert, statt auf seine langsam erworbenen Sythesefähigkeiten zu vertrauen. Dass man also eine längst verfeinerte und höchst effiziente Technik vor die Hunde wirft und es sich stattdessen einfach macht. So schnell kann das gehen. Wer sagt, dass in der Zukunft immer alles besser wird? Stellen wir uns darauf ein, dass wir ab sofort den größsten Teil unserer Energie darauf verwenden werden, erst einmal auf einer Stelle zu bleiben.

Montag, Oktober 23, 2006


Französische Bürgersteige sind grob gerechnet dreimal so breit wie ihr deutsches Pendant. Das hat natürlich alles seine Richtigkeit. Doch Halt! denn Bürgersteige in Frankreich scheinen nicht wirklich für Bürger gedacht zu sein, sondern eher für deren Automobile. So kann man nicht zu Fuß von A nach B gelangen, ohne nicht mindestens fünf kreativ geparkten Autos zu begegnen (vgl. dazu auch exklusive Illustration o.l.). Lasst uns gemeinsam darüber spekulieren, wie zum Beispiel obiges Exemplar überhaupt an seine Stelle gekommen ist. Dass darauf außerdem eine Strafe von EUR 33,00 steht, scheint wenig zu kümmern. Und der geplagte Radfahrer? Dem bleibt nichts anderes übrig, als sich stöhnend und schiebend durch die Stadtlandschaft zu bewegen.

Das Paket

Heute bekam meine chinesische Mitbewohnerin ein riesiges Paket. Aus China. Wenn ein riesiges Paket in einer bikulturellen Wohngemeinschaft eintrifft, entsteht eine seltsame Eifersuchtsdynamik. Man glaubt dann, die Person mit dem Paket ist zwangsläufig ein besserer Mensch. Sonst hätte man schließlich selbst ein Paket bekommen und nicht die andere Person. Auf jeden Fall öffete der bessere Mensch heute gleich das riesige Paket. Es waren zum Beispiel seltsame chinesische Nahrungsmittel in bunten Tüten drin. Und plötzlich geschah folgendes Wunder: egal wie viele Tüten man aus dem großen Karton griff, er wurde und wurde nicht leerer, während sich die Tüten im ganzen Raum stapelten. Man konnte in den Karton greifen und Tüten rausholen, so viel man wollte. Ich dachte: wenn jetzt also plötzlich das Haus samt Paket und Tüten auf dem weiten Meer treiben würde wie eine Arche Noah, wären genügend Tüten da für vierzig Tage und drei Personen. Bis die weiße Taube kommt aus Übersee mit dem nächsten Paket im Schnabel.