Mittwoch, Oktober 25, 2006

Notieren Sie bitte

Fast vier Wochen Alltag an einer französischen Bildungseinrichtung beginnen, ihre Spuren zu hinterlassen, die man nur ängstlich aber machtlos beobachten kann. Die Umstürze beginnen im Kleinen, zum Beispiel, bei der studentischen Ur-Handlung überhaupt, die man aber nie wirklich beigebracht bekommt, dem Notizen machen.

Wie macht man Notizen? Meistens hört man je nach Wortgeschwindigkeit, sagen wir, zwei Minuten lang zu und geht, in einem zweiten Schritt, dann zum Notizenkrizeln über. Kabbalistische Zeichen sind hierbei aus rationalistischen Gründen durchaus akzeptabel, denn aus zwei, drei Stichwörtern und kreativen Verbindungsschnörkeln kann der aufmerksame Student beim nochmaligen Lesen des Geschriebenen (falls er es noch mal liest) einfach die Inhaltsessenz aus anderthalb Stunden rekonstruieren.

Aber warum machen Franzosen andere Notizen als Deutsche? Im Land der Romanciers erinnern die klein karierte Blättersammlung der Studenten tatsächlich mehr an Romanentwürfe als an spartanisch angefertigte Stichpunktzettel. Das geweihte Wort des Lehrenden wird nämlich vorzugsweise im O-Ton niedergeschrieben. Wie das überhaupt gehen soll?? Nein, auch Franzosen sind keine Stenotypisten, müssen sie auch nicht sein, denn zum adäquaten Mitschreiben spricht der Prof entgegenkommenderweise nämlich extra langsam. Oder er wiederholt jeden Satz, eins zu eins, noch einmal. Oder warum nicht beides.

Und außerdem: wenn dann ein Professor einmal die Diktatdiktatur hinter sich lässt, und frisch und frei von seinem Lieblingsthema spricht, das gleichzeitig auch Vorlesungsstoff ist, schauen ihn die meisten Studenten meist reglos an. Oder sie schalten vollkommen ab, denn was nicht mitschreiblangsam diktiert wird, kann schließlich nicht wichtig sein.

Diese Feststellung, die ich hier recht mühsam erklärt habe, ist eigentlich recht trivial. So weit, so gut. Nach vier Wochen aber stellt man nun erschrocken fest, dass man selbst, ja man selbst!!!, irgendwie auch schon lieber die ganze Professorpredigt dokumentiert, statt auf seine langsam erworbenen Sythesefähigkeiten zu vertrauen. Dass man also eine längst verfeinerte und höchst effiziente Technik vor die Hunde wirft und es sich stattdessen einfach macht. So schnell kann das gehen. Wer sagt, dass in der Zukunft immer alles besser wird? Stellen wir uns darauf ein, dass wir ab sofort den größsten Teil unserer Energie darauf verwenden werden, erst einmal auf einer Stelle zu bleiben.

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