Dienstag, Januar 23, 2007

Deutschlands Gespür für Schnee

Als ich an diesem Wochenende in alpinere Regionen gefahren bin, um mich am Ski-Langlauf zu probieren (das heißst modischerweise „Skaten“ und erinnerte mich dumpf an fast vergessene Sportstunden bei Herr Kilian in der neunten Klasse; Leidensgenossen wissen, von was ich rede), war selbst in den sauerstoffärmsten Höhen Frankreichs die Schneemenge einfach nur mickrig. Als ich nach zwei Tagen mit trotzdem rosigen Backen auf der Rückfahrt vage über katastrophale Klimawandel sinnierte, hatte die Wettervorhersage schon weißen Niederschlag und sinkende Temperaturen für Clermont angekündigt. Und tatsächlich, Ende Januar der erste Schnee.

Selbst Naturereignisse wie diese geben hier Aufschlüsse über die Kultur. In Deutschland habe ich zum Beispiel immer staunend bewundert, wie bei Schneefall um sechs Uhr morgens alle Straßen schon geräumt und fleißig ausgestreut waren, so dass der verschlafene Gymnasiast ein, zwei Stunden später sicher zum Bahnhof stapfen konnte. Fragt man nach, wird man denn eifrig belehrt, dass in irgendeinem Gesetzestext, der bestimmt existiert, steht, Ausrutscher vor der Haustür gingen ganz auf Rechnung des säumigen Straßenräumers. Aber irgendwie sprechen die peinlich geräumten Straßen doch auch von einem deutschen Ordnungsgeist.

Hier wurde auf jeden Fall nicht geräumt. Weder um halb sieben morgens noch um drei Uhr mittags. Die Bürgersteige verwandelten sich in kraterige Eislandschaften, die Straßen wurden spiegelglatt, der Verkehr quälte sich zäh durch die zweispurigen Einbahnstraßen.

Ich habe meine Mondstiefel angezogen und bin verschlafen zur Uni gestapft.

Mittwoch, Januar 17, 2007

Reden wir über Matratzen

Das zweite Mal, als mir der Verdacht kam, dass mit meiner Matratze vielleicht etwas nicht stimmt, war, als ich das gleiche Modell in einem Film über den zweiten Weltkrieg gesehen habe, genauso weiß-braun gestreift (das erste Mal war, als meine Mutter zu Besuch die Isomatte auf dem Boden vorzog „auf das Ding da leg ich mich nicht“). Aber man gewöhnt sich an alles und es liegt in der Natur der Sache, dass man sich seiner Matratze dann erinnert, wenn man zu müde ist, um sich um irgendetwas zu kümmern („aber morgen kümmere ich mich ganz bestimmt darum“).

Diese Matratze ist wie ein riesiger, weitästiger Baobab. Sein Gedächtnis ist unermesslich.Er hat Menschenkinder geboren und sterben gesehen. Königreiche sind mit ihm aufgestiegen und untergegangen. Sanft fälle ich in die Mitte meiner Matratze. Sanft wiegt sie mich an ihrem Busen und brummt bedeutungsschwer: „Jetzt bist du schon so tief eingesunken, da kannst du auch ganz hier bleiben.“ Und ich wache jeden Morgen auf steif wie ein Stock.

Deswegen habe ich das Ding jetzt kurzerhand auf dem Boden ausgebreitet, was ich übrigens jedem empfehlen kann, auch jenen mit jugendfrischer Matratze. Plötzlich hat man nämlich das Gefühl, bei sich selbst zu Hause zu Gast zu sein wie bei Verwandten in Hamburg. Man hat das Gefühl, in einem schönen Übergangszustand zu leben. So wie bei vielen Dingen.