Und am sechsten Tage schuf Gott den Menschen. Und er sah, dass es gut war.
Aber als er sich am siebten Tage in seinen teuren Designerledersessel zurücksinken ließ, um genüßlich, mit einem Cocktail in der Hand, das Paradies durch die große Fensterwand vor ihm zu betrachten, passiert es: Ein lautes Klirren zerriss die Harmonie, die der himmlische Engelschor verbreitete, Splitter fielen klirrend zu Boden und ein kleines, nicht definierbares Geschoss flog direkt auf Gott zu, knallte gegen sein filigranes Cocktailglas und brachte es zum Bersten. Glassplitter flogen gleich Giftpfeilen durch die Gegend und bohrten sich in den Boden und Gottes Designerledersessel. Gott saß noch ganz benommen in dem sich langsam mit Cocktail vollsaugendem teuren Designerledersessel und starrte fassungslos auf die Lache zu seinen Füßen, als an der zersplitterten Fensterfront das verlegen grinsende Gesicht von Adam auftauchte:
"Ey sorry, Mann. Hab' ich echt net gewollt."
Er kratzte sich verlegen die zerzausten Struppelhaare und lies den Blick von der demolierten Fensterfront, über den entstellten Designerledersessel zu der kleinen splitterdurchsetzten Cocktaillache am Boden gleiten, in der sich noch ein kleiner Kieselstein drehte.
"Boah, voll heavy. Ging ja voll ab der Kiesel. Krass, gell?"
Langsam drehte sich Gott in seinem Designersessel um und richtete seinen göttlichen Blick auf Adam. Während er ihm böse anstarrte, wurde sein Gesicht erst tomatenrot, dann blutrot und schließlich weinrot. Scheißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und verdampften dann kurz darauf wieder zu zischenden Dampffontänen.
"Ey sorry, Mann. Ey, echt, ey. Ich...äh...geh' dann mal, ne?"
Adam rannte panisch davon, während die Temperatur in Gottes Wohnung stetig stieg.
Gott nahm in Zeitlupentempo den kleinen Kieselstein und zerdrückte ihn in seiner geballten Faust zu einer kleinen kompakten Masse. Dann konnte er sich nicht mehr halten und schrie sich seine Wut, begleitet von Vulkanausbrücken, Sturmböen, Springfluten und Donnerschlägen, aus dem Leibe. All seine Wut, Boshaftigkeit und seinen Zorn den Menschen gegenüber brüllte er dem Stein entgegen, und hauchte ihm damit das Leben ein.
Und so schuf Gott am siebten Tage jene Kreatur, die allen Hass und Zorn auf die Menschheit kompensiert. Die Verköperung der Heimtücke, der Herr der Unverschämtheit, der König der Niederträchtigkeit, so entstand am siebten Tage von Gottes Schaffen sein schlimmstes Werk:
Der Schaffner.
Geboren durch den Hass auf die Menschen, lebt er nur um Unglück und Verderben eben Jenen zu bringen, so auch am Freitag:
Vollkommen unschuldig fuhr ich wie jeden Freitag von Marburg gen Heimat, doch eine dramatische Wendung ("Oberleitungsschäden und umgestürzte Bäume auf den Schienen" wie die Durchsagepraktikantin mehrmals unsicher in ihr Mikrophon säuselte) führte dazu, dass just in Gießen mein Trödelbähnlein nach Frankfurt durch einen verspäteten Schnellzug überholt wurde. Diese zunächst dramatische Wendung stellte sich jedoch schnell als Wink des Schicksals heraus, denn so konnte ich bequem in den Schnellzug umsteigen und frohen Mutes mit Gepäck und Freundin ohne lästige Zwischenstops in Frankfurt einfahren.
Und so kam es, dass ich exakt um 16:09 Uhr in Frankfurt einfuhr. Eine Zeit, die es mir ermöglichte noch den Anschlusszug um 16:10 Uhr zu nehmen.
Wie ein Bekloppter (also ein mit Gepäck beladener Student am überfüllten Frankfurter Hauptbahnhof) rannte ich durch die Massen und sah meinen Zug doch noch tatsächlich auf seinem Gleis stehen. Mit Freundin und einer Unbekannten rannten wir dem Licht am Ende des Tunnels entgegen, als vor uns die Türen zugingen.
Doch so schnell gaben wir nicht auf. Wir kämpften, rannten zur Tür und rissen sie auf.
Die Tür war auf! Wir konnten einsteigen!
Wirklich?
Hinter der Tür erhob sich ein finsterer Schatten mit dunkelblauer Uniform und Trillerpfeife um den Hals. Ein Schaffner!
"EY!! Die Tür war schon zu! Der Knopf ist doch schon gedrückt!"
Mit zornigem Gesicht griff er nach der eben geöffneten Tür und schlug sie kräftig wieder zu.
Und da stand ich mit Gepäck, Freundin und offenem Mund und musste zusehen, wie mein Zug vor meinen Augen langsam losfuhr und aus dem Bahnhof tuckerte.
Nochmal, weil's so schön war:
Beladen mit Gepäck drängelte ich mich zu meinem rettenden Zug und musste mir ansehen, wie sich die Türen vor meinen Augen schlossen. Doch glücklicherweise lies sich eine Tür noch öffnen.
Doch unglücklicherweise war ein Schaffner dahinter, der mich anschrie, die Tür vor mir wieder zuschlug und kurz darauf samt Zug und Hoffnung davonfuhr.
Und entgegen aller Hollywoodphilosophien hatte das Böse gewonnen.
2 Kommentare:
Deinen ganzen Ärger fühle ich mit dir. Aber weil wir so schön gebildet sind, denken wir hier an einen zentralen deutschen Kulturstandard, der da wäre "Regelorientiertheit vs. Personenorientiertheit". Der Mensch ist frei, doch überall liegt er in Ketten! So zum Beispiel der arme Schaffner, der seinen freien Willen bei der Unterschreibung des Arbeitsvertrages abgegeben hat und jetzt nur macht, was er "darf".
Aber jetzt etwas ganz anderes: Waren es die "Schweißperlen" oder die "Scheißperlen"???
Scheißperlen,.. hö hö... :-))
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