Donnerstag, April 06, 2006

Wiener Wirtschaft

Andere Länder, andere Sitten. Als Weltstädte erkundender Kosmopolit verschlug es mich kürzlich nach Wien. Wer jetzt kulturelle Unterschiede zu unserem Heimatland aufzählen müsste, würde wahrscheinlich schulterzuckend kapitulieren. Schließlich sagen Wiener zwar "nah", wenn sie "nein" meinen, aber ansonsten? Die Differenzen offenbaren sich aber im Detail! Man betrachte zum Beispiel folgende "Werbemaßnahme" für eine Zeitschrift (Abb. links): "Format", "Österreichs Wochenmagazin für Wirtschaft und Geld". Die kann sich, der an "Wirtschaftsinfos" im Allgemeinen und "Erfolg" im Speziellen interessierte Wiener Stadtbewohner ganz ungeniert aus der milchig-zerknitterten Plastiktüte nehmen. Dafür aber bitte vorher 2,40€ (!) in den dafür vorgesehenen schwarzen Plastikzylinder werfen. ...
Nun verstehe ich nicht viel von Marketing. Dass zwischen "Wirtschaftsmagazin" und "freiwillig zwei Euro vierzig in einen schwarzen Zylinder werfen" ein natürlicher Widerspruch besteht, dieser Intuition kann ich mich trotzdem nicht erwehren...
Angeblich soll sich so mancher Ausländer über die Blumen-zum-Selbstpflücken (und Selbst-Bezahlen)- Felder in unseren Landen gewundert haben. Und die Ehrlichkeit, die sie voraussetzen. Entweder sind die Österreicher also noch unendlich ehrlicher und herzensguter als der rechtschaffendste Deutsche. Oder ein Marketingfuzzi hat sich gedacht: "Wenn nur drei Leute mitmachen, kann ich Sandra auf eine Wiener Melange und zwei Sachertortenstücke ins Kaffeehaus am Prater einladen. Ein Versuch ist's wert." Und auch hier hat meine Wirtschaftsintuition einen eindeutigen Favoriten...

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Als gefälschter Schweizer, sehe ich mich fast gezwungen unsere österreichischen Freunde zu verteidigen. In der Tat mag so eine Marketingmassnahme (wir "Schweizer" halten sehr wenig von Eurem "ß") fast
als suizididär anmuten, doch in gewissen Kulturkreisen kann man damit sehr wohl Geld verdienen. Diese Selbst-Bedienungs- und Selbst-Bezahlungs-Einrichtungen sind auch in der Schweiz sehr verbreitet und ihre Lebensdauer scheint doch auf eine gewisse Geldquelle anzudeuten.
Natürlich, sollte der "Weltstädte erkundende Kosmopolit" nicht allzu naiv in der ökonomischen Interpretation sein, denn mit Ehrlichkeit hat dies oft sehr wenig zu tun.
In Tat und Wahrheit werden diese Einrichtungen mit zum Teil sehr strengen Bewachungsmethoden kontrolliert. So sollte der Deutsche Gast nicht überrascht sein, wenn er eine kleine Überwachungskamera in der Nähe solcher Einrichtungen entdeckt, also immer freundlich lächeln! Auch kann es vorkommen, dass ein "leicht" Bewaffneter Securitas hinter der, auf typisch schweizerischen Art, gepflegten Hecke hervorspringt und freundlich aber bestimmt die Bezahlung der Zeitung mit seinem entwaffnendem "Schwizerdütsch" einfordert. Nun heisst es zahlen oder rennen, feilschen ist für Deutsche Gäste keine Option. ;-)
Seit aber nicht allzu überrascht, falls Ihr beim gemütlichen Dinner in einem feinen Restaurant auf dieselbe Person am Tisch nebenan trifft...Sandra wird es Euch danken!